Deutscher Gewerkschaftsbund

17.10.2016

Kaufhaus Ganz – ehemals jüdisches Geschäft Zacharias Jacoby

Dem DGB-Ortsverband Bensheim um Jutta Mussong-Löffler fehlte dennoch etwas ganz Entscheidendes: „Wir kritisieren in diesem Zusammenhang den Umgang mit der NS-Vergangenheit hier vor Ort. Die Leser erfuhren nur, dass die Firma „Ganz & Birkenmeier“ im April 1936 gegründet wurde, also in der Zeit des Nationalsozialismus, aber nichts von den näheren Umständen.“

1996 erwähnte die damalige Firmeninhaberin gegenüber der Zeitung immerhin noch die „Geschäftsübernahme“. Übernommen hatten nämlich Ernst Ganz und sein Partner Karl Birkenmeier ein Grundstück mit Wohnhaus und Geschäftsräumen von Else Schwabacher und Sophie Jacoby, der Witwe des erfolgreichen jüdischen Kaufmanns  Zacharias Jacoby aus Bensheim.

Nationalsozialistischer Terror ab 1933

Zacharias Jacoby war am 4.1.1932 in Heidelberg verstorben und hatte den nationalsozialistischen Terror nicht mehr am eigenen Leib erfahren müssen. Zu Beginn der 1930er Jahre gab es in Bensheim ungefähr 160 Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens. Die meisten von Ihnen lebten schon seit Generationen in dem Bergsträßer Städtchen.  Viele Geschäfte in der heutigen Fußgängerzone gehörten jüdischen Mitbürgern. Dies sollte sich 1933 mit dem Machtantritt der NSDAP ändern. Schon zwei Tage vor dem reichsweit angeordneten Boykott waren die jüdischen Geschäfte des Ortes geschlossen und einige Ladeninhaber verhaftet worden:  ''Am 30. März 1933 betraten in Bensheim SA-Leute jüdische Geschäfte und befahlen deren Schließung. (...) Von der Schließung betroffen waren unter anderem die Geschäfte und Firmen Adler, Bacherach & Jakob, Bendheim, End, Grünstein, Haas, Zacharias Jakobi, Reiling, Rosenfelder, Schade & Füllgrabe, Sternheim, Thalheimer & Marx und Wolf.''  Zitat ausGeschichte der Bensheimer Juden im 20. Jahrhundert, Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl Schule (S79-80, 2004)“.  

Unter der Überschrift „Maßnahmen gegen die Juden“ berichtete der Starkenburger Bote am 31. März 1933: „Im Laufe des gestrigen Tages wurden sämtliche hiesigen jüdischen Geschäfte durch SA- und SS-Leute geschlossen. Auch die hiesige Verkaufsstelle des Konsumvereins mußte schließen. Die jüdischen Geschäftsinhaber wurden verhaftet und ins Amtsgericht überführt. Nachdem sie dort durch ihre Unterschrift bestätigt hatten, daß die im Ausland verbreiteten Nachrichten über Ausschreitungen gegen die Juden in Deutschland auf Unwahrheit beruhen, wurden sie zum Teil gestern Abend schon, zum Teil heute früh wieder in Freiheit gesetzt.“

 

Den offiziellen Boykott leitete dann am 1. April eine NSDAP-Kundgebung auf dem Markplatz von Bensheim ein.

 

„Arisierung“ jüdischer Geschäfte

Die Formen der „Arisierung“ reichten von Beschlagnahmung, Zwangsverkauf bis zur Nötigung zum „freiwilligen“ Verkauf des Eigentums der resignierten und eingeschüchterten jüdischen Besitzer. Im Laufe der folgenden Jahre schritt die systematische Enteignung jüdischen Eigentums schnell voran.  Immer mehr jüdische Einwohner mussten Bensheim verlassen. So auch Sophie Jacoby, geborene Kitzinger. Sie hatte mit ihrer Nichte Else Schwabacher zu gleichen Teilen das Kaufhaus ihres verstorbenen Mannes weitergeführt. Durch Druck auf jüdische Kaufleute, keine Waren mehr an „Arier“  verkaufen zu dürfen -  bei gleichzeitigem Boykott ihrer Geschäfte, ging der Umsatz kontinuierlich zurück. Als nach dem Erlass der „Nürnberger Gesetze“ im September 1935 Juden elementarer Bürgerrechte beraubt wurden, mussten Sophie Jacoby und Else Schwabacher die Immobilie mit 385 m² Wohn- und Nutzfläche so schnell wie möglich los werden.

1936 jüdisches Kaufhaus  unter Wert gekauft

Sophie Jacoby und Else Schwabacher mussten ihr Hab und Gut unter dem tatsächlichen Wert veräußern. Ernst Ganz, der seit 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP war und bis zur Auflösung 1945 in der Nazipartei blieb, konnte gemeinsam mit Karl Birkenmeier durch den Nationalsozialismus und den damit einhergehenden Antisemitismus günstig an das gut eingeführte Geschäft und Gebäude kommen. Sophie Jacoby verließ am 19. April 1936 Bensheim, wenige Tage also nach der „Übernahme“ ihres alten Kaufhauses.  Im Juni 1941 ging sie in Lissabon, Portugal, an Bord eines Schiffes, das sie sicher nach Amerika bringen sollte, wo sie zwei Monate später in Ellis Island ankam. 1957 starb die kinderlos gebliebene Sophie Jacoby  in Illinois, USA. Else Schwabacher starb 2008 im Alter von 100 Jahren ebenfalls in den USA.

 

Den Opfern einen Namen geben

Der DGB findet, dass es an der Zeit ist, dass die Erben von Ernst Ganz und die Stadt Bensheim den ehemaligen jüdischen Besitzern Zacharias und Sophie Jacoby sowie Else Schwabacher eine Gedenktafel widmen. „Ihr Schicksal war eines von vielen, welches die Nachkommen Ernst Ganz´ nicht mehr erwähnen wollen. Es ist  unsere Pflicht, den Opfern einen Namen und ein Gesicht zu geben“, schließt die DGB-Vorsitzende Jutta Mussong-Löffler ihren Bericht.


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