Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 232 - 17.07.2017

Atypische Beschäftigung ist auch im Kreis Groß-Gerau auf dem Vormarsch - SPD-Arbeitsgemeinschaft 60plus fordert: das tariflich geschützte Normalarbeitsverhältnis muss wieder die Regel werden.

Horst Raupp (Darmstadt), Regionssekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), machte in seinem Vortrag deutlich, dass trotz „Rekordbeschäftigung“ das gesamtwirtschaftliche Arbeitszeitvolumen in Deutschland um zwei Milliarden Stunden geringer ist als noch zu Beginn der neunziger Jahre. Auch die Zahl der Vollzeitarbeitsplätze ist seit 1991 um 4,7 Millionen zurückgegangen, da viele Vollzeitstellen in Teilzeitarbeitsplätze und Minijobs umgewandelt wurden. Raupp stellte die Sonderauswertung „Atypische Beschäftigung“ des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung für den Kreis Groß-Gerau vor. Aus der Studie ergibt sich, dass die Zahl atypischer Beschäftigungsverhältnisse (Teilzeit, Leiharbeit, Minijobs) auch im Kreis Groß-Gerau massiv angestiegen ist, während die Zahl der Vollzeitarbeitsplätze rückläufig ist.

Während sich die Zahl der abhängig Beschäftigten in den Jahren 2006 bis 2016 von 101.692 auf 107.939 erhöht hat, stieg die Zahl der atypisch Beschäftigten im gleichen Zeitraum von 29.760 auf 38697 an. „Das heißt: Unter dem Strich ging der gesamte Beschäftigungszuwachs der letzten zehn Jahre auf das Konto atypischer Beschäftigung“. Der Anteil atypischer Beschäftigung an den abhängig Beschäftigten hat sich von 2006 bis 2016 von 29,3 Prozent auf 35,9 Prozent deutlich erhöht: „Somit arbeiten fast vier von zehn Beschäftigten im Kreis Groß-Gerau in atypischen Verhältnissen“. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitarbeitsplätze ist von 74.259 auf 71.262 gesunken. Dagegen hat sich die Zahl der Leiharbeiter/innen von 1.059 auf 2.652 mehr als verdoppelt. Fast 70 Prozent der atypisch Beschäftigten sind Frauen. Raupp stellt feste, dass sicherlich viele Frauen in Teilzeit arbeiten, da sie nur so Beruf und Familie vereinbaren können. Viele Frauen möchten dagegen Vollzeit arbeiten, bekommen aber nur Teilzeitangebote, so dass sie zwangsweise in der „Teilzeitfalle“ hängen bleiben mit allen negativen Konsequenzen für Einkommen und Rente: „Die Rente ist der Spiegel des Erwerbslebens. Lohnarmut und Altersarmut sind in erster Linie weiblich“.

Der Gewerkschaftssekretär forderte einen grundlegenden Kurswechsel in der Arbeitsmarktpolitik, die Abschaffung der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverhältnissen, die Durchsetzung des Grundsatzes „Gleiches Geld für gleiche Arbeit“ und eine Ausweitung der Tarifbindung und der Mitbestimmung: „Das sind die entscheidenden Stellschrauben für Löhne und Arbeitsbedingungen. Gute Löhne sind der beste Schutz vor Altersarmut. Löhne und Renten müssen für ein gutes Leben reichen“. Zudem müsse der freie Fall des Rentenniveaus gestoppt, die gesetzliche Rente als zentrale Säule der Alterssicherung gestärkt und das Rentenniveau wieder deutlich erhöht werden, „damit auch die heute jungen Menschen später eine Rente bekommen, von der sie anständig leben können“.

Raupp nannte es verantwortungslos, dass die CDU in der Rentenpolitik mit einem „Weiter so“ in den Wahlkampf geht: „Die CDU nimmt damit billigend in Kauf, dass das Rentenniveau ab 2030 auf 43 Prozent sinkt bei freiem Fall ab 2030. Bei einem Rentenniveau von 43 Prozent ist der Renteneintritt für Millionen Beschäftigte gleichbedeutend mit Altersarmut und sozialen Abstieg. In einem der reichsten Länder der Welt droht die massenhafte Rückkehr von Altersarmut. Das muss unbedingt verhindert werden“. Auch die Verlängerung des Renteneintrittsalters müsse zurückgenommen werden, da sie für die Betroffenen eine drastische Rentenkürzung bedeutet und viele Arbeitgeber auch weiterhin kaum ältere Menschen beschäftigen. „Deshalb muss die Rente mit 67 vom Tisch. Das gilt erst recht für die Forderungen aus dem Wirtschaftsflügels der CDU und der Unternehmerverbände, das Renteneintrittsalter auf 70 Jahre oder 73 Jahre zu erhöhen“.

Die Arbeitsgemeinschaft SPD 60 plus zeigte sich mit den gewerkschaftlichen Ausführungen von Horst Raupp in vielen Punkten übereinstimmend – was man in der regen Diskussion feststellen konnte. Stefanie Buch dankte Horst Raupp für seinen kompetenten Vortrag.

 


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